Shell will BG übernehmen

Shell plant die größte Fusion der Energiebranche seit mehr als zehn Jahren. Der britisch-niederländische Öl- und Gaskonzern plant, den britischen Gasförderer BG Group für rund 47 Milliarden Pfund (64 Mrd. Euro) zu übernehmen. Damit bestätigen sich Spekulationen, die größere Übernahmen aufgrund des Ölpreisverfalles vorhergesehen hatten. Der neue BG-Chef Helge Lund plant damit innerhalb von nur zwei Monaten nach seinem Antritt einen der größten Coups der Geschichte von Shell.

BG-Aktie steigt um über 35 Prozent

Tageschart BG Group

Tageschart der BG Group Plc , Quelle: Stockcharts.com

Der Kaufpreis, der in bar und in Aktien entrichtet werden soll, entspricht einem Aufschlag von rund 50 Prozent zum Schlusskurs der BG-Aktie vor Bekanntgabe der Übernahmepläne. BP-Anteilseigner würden nach der Übernahme 19 Prozent der Aktien des neuen Konzerns halten. Demzufolge wurde die Aktie der BG Group am Mittwoch in London teilweise bis zu 40 Prozent über dem Vortageskurs gehandelt und schloss mit einem Plus von über 35 Prozent.

Zuvor war BG an der Börse rund 31 Milliarden Pfund wert, nachdem der Aktienkurs im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent gefallen war. Shell musste hingegen trotz des Ölpreisverfalles um rund die Hälfte seit Sommer 2014 nur mit einem Kursverlust um 10 Prozent hinnehmen und wird derzeit mit 186,5 Milliarden Euro bewertet. Am Mittwoch fiel der Kurs der Shell-Aktie hingegen um rund 5,32. Die B-Anteile verloren sogar 8,56 Prozent. Konkurrent BP profitierte hingegen von den Übernahmegerüchten und konnte deutlich zulegen. Der Stoxx Europe 600 Oil & Gas erreichte zwischenzeitlich den höchsten Stand innerhalb des letzten halben Jahres.

Größte Übernahme seit zehn Jahren

Der Konzern wäre nach der Übernahme doppelt so viel wert wie der Konkurrent BP und würde zwischen den US-Konzernen Chevron und Exxon Mobil zum zweit größten Energiekonzern weltweit. Shell wäre zudem der größte Hersteller von Flüssiggas. Vor rund zehn Jahren hatte Chevron sich mit Texaco zusammengeschlossen, BP Amoco und Arco übernommen sowie Exxon mit dem Erwerb von Mobil den größten Ölkonzern der Welt erschaffen. Das Marktumfeld zu dieser Zeit ähnelt dem heutigen. Durch den Schiefergasboom in den USA, Saudi-Arabiens Entscheidung, die Fördermenge nicht zu drosseln und einem geringeren Absatz aufgrund der Weltwirtschaftskrise hat die Branche mit bedeutenden Problemen zu kämpfen.

Shell und BG rechnen nach der Fusion mit Einsparungen von 2,5 Milliarden nach Steuern pro Jahr. Ziel der Übernahme ist es laut Jorma Ollila, Verwaltungsratspräsident von Shell, „ein wettbewerbsfähigeres und solideres Unternehmen im derzeitigen Umfeld schwankender Ölpreise“ zu entstehen zu lassen. Durch die Fusion des größten und drittgrößten Gasproduzenten Großbritanniens würde Shell Zugriff auf LNG-Anlagen in Australien, Brasilien, Ostafrika, Kasachstan und Ägypten erhalten und könnte von den Tiefsee-Bohrungen von BG profitieren. Ziel ist es, die Anzahl der Operationen zugunsten ihrer Quantität zu reduzieren.

Shell ist in Fusionen in dieser Größenordnung jedoch erfahren. Auch die Fusion des niederländischen und britischen Zweiges hatte einen Gegenwert von 41,7 Milliarden Euro. Die BG musste im vierten Quartal fünf Milliarden US-Dollar abschreiben. Der Negativrekord ist auf den Wertverlust von Vermögensgegenständen in Australien zurückzuführen. Der Konzern verkaufte dort aufgrund der sinkenden Rohstoffpreise Gas-Leitungen. Auch schwindende Gasreserven in Ägypten hatten für wirtschaftliche Probleme gesorgt.

Übernahme könnte noch verhindert werden

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Übernahme steht noch auf wackligen BeinenQuelle: Shell Pressecenter

Shell erwartet, dass die Wettbewerbsbehörden die Fusion nicht verhindern, und geht davon aus, dass die Übernahme Anfang 2016 abgewickelt wird. Hierfür müssen die Aktionäre beider Unternehmen zustimmen. Aktionäre der BG sollen pro Aktie 3,83 Pfund und 0,445 Shell-Aktien des Typs B erhalten. Shell kündigte zudem ab 2017 ein Aktienrückkaufprogramm über mindestens 25 Milliarden Dollar an.

Allerdings wartet auf Shell möglicherweise noch eine weitere Hürde. Bislang scheint es so, als könnten auch die Partner der BG eine Übernahme verhindern. Vor allem in Brasilien könnte der neue Inhaber Probleme bekommen. Die dortige Gasförderung durch BG gilt als eine der ausschlaggebenden Gründe für den Deal. Allerdings könnte es möglich sein, dass die brasilianischen Partner Repsol Sinopec und Brasil Petrobras ein Vorkaufsrecht für die entsprechenden Gebiete besitzen. Ähnliches gilt für Karachaganak, ein Feld in Kasachstan.

Während Karachaganak als ein verkraftbarer Verlust gilt, würden mit den brasilianischen Fördergebieten Teile des Geschäfts wegfallen, die als zentral gelten. Vor allem BM-S-9 soll Milliarden Barrel Öl enthalten, dessen Förderung zu moderaten Kosten möglich ist. Der Wert der brasilianischen Felder wird auf rund 10 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ob ein Vorkaufsrecht tatsächlich existiert, haben weder BG noch Shell bislang bestätigt. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist es jedoch unklar, ob die Unternehmen tatsächlich an einem Kauf interessiert sind und diesen auch finanzieren können. Am wahrscheinlichsten gilt, das Sinopec sich in den Verkauf einmischt. Bislang wollte sich jedoch keines der Unternehmen zu diesem Thema äußern.

Weitere Übernahmen wahrscheinlich

Kenner der Branche sind von der Übernahmeankündigung trotz ihrer Größe und Tragweite nicht überrascht. BG war zuvor regelmäßig als Übernahmekandidat im Gespräch. Mit dem Kursrückgang der Aktien in der Branche generell und bei BG im Besonderen, hatte sich für die robustere Shell Group eine attraktive Übernahmegelegenheit ergeben. Experten rechnen zudem damit, dass dies nicht die einzige Mega-Fusion in der Branche bleiben wird.


Christian Habeck

Christian Habeck

Christian Habeck ist seit Jahren an den Finanzmärkten aktiv. Im Daytrading widmet er sich bevorzugt dem Forex-Handel, Aktien handelt er mittelfristig (Swing-Trading) mit Hilfe des Ichimoku Kinko Hyo. Infos hierzu findet man auf: www.kumo-trading.de.
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