Kursziele mit Fibonacci-Trading

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Wieso gibt es so viele Fibonacci-Anhänger?

Die meisten Trader ermitteln ihre Kursziele mit Fibonacci-Relationen. Im Chart wird dann entweder auf Basis eines Retracements oder auf Basis einer Fibonacci-Extension ein Kursziel berechnet.
Grundsätzlich darf man der Fibonacci-Anwendung kritisch gegenüberstehen. Als Trader verwende ich auch Fibonacci, allerdings leite ich keine Handelsempfehlung daraus ab. Es ist vielmehr eine sekundäre Zusatzinformation.

Es gibt ein paar Richtlinien, wie ein Fibonacci-Retracement oder die Extension benutzt werden sollten. In diesem Fall möchte ich nicht näher darauf eingehen, denn Fibonacci-Tools haben keine statistisch nachweisbare Wirkung! 99% der Technischen Analysten wenden die Tools dogmatisch an. Es wird überhaupt nicht mehr hinterfragt, ob Fibonacci an der Börse funktioniert.

Tages-Chart Bund-Future und Fibonacci-Retracements

Bild: Tages-Chart mit dem Bund-Future und der Kurszielbestimmung auf Basis des Fibonacci-Retracements

Tages-Chart Bund-Future und Fibonacci-Extension

Bild: Tages-Chart mit dem Bund-Future und der Kurszielbestimmung auf Basis der Fibonacci-Extension

Manchmal ist eine Lehre ziemlich leer

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn in Fibonacci-Seminaren und -Webinaren Parallelen zur Natur und zur Kaninchen-Population gezogen werden. Es ist nicht zu bestreiten, dass Fibonacci-Relationen in der Natur vorzufinden sind. Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Sind die Relationen auch für die Börsenkurse einsetzbar?

Eine Antwort kann nur die Statistik geben. Es gibt nur wenige Analysten, die einige Anstrengungen unternommen haben, die Fibonacci-Fähigkeiten zu testen. Der bekannteste ist vielleicht Thomas N. Bulkowski. Weniger bekannt ist Rene Kempen, der im Rahmen seiner Studie den VTAD-Award in 2015 gewonnen hat.

Christian Lukas

Christian Lukas

Christian Lukas beschäftigt sich sein 1998 mit der Börse. Als privater Trader handelt er in erster Linie den DAX- und den Bund-Future. Seine Spezialität ist die Volumen-Analyse. Dabei wird der Kursverlauf mit dem Handelsvolumen in eine Beziehung gesetzt. Ziel ist die frühzeitige Erkennung von Veränderungen in Angebot und Nachfrage des Handelsobjektes. Weitere Infos unter www.volumen-analyse.de.
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Auch ich selbst habe vor langer Zeit Tests unternommen, um mehr von der Fibonacci-Wirkung zu erfahren. Meine Tests waren weniger wissenschaftlich, und fallen daher unter die Rubrik „Quick-and-Dirty“. Was sich daraus ergab, war so schlecht, dass es sich nicht lohnte, weiter zu forschen.

Obwohl die mathematische Vorgehensweise der oben genannten Analysten nicht identisch war, so kommen doch alle zu dem gleichen Ergebnis. Fibonacci besitzt keinen statistischen Vorteil! Das entspricht auch meinen Tests.

Der Fibonacci-Glaube verzerrt die Realität

Vielleicht liegt das Problem auch darin begründet, dass jedes errechnete Fibonacci-Kursziel mit einer gewissen Toleranz betrachtet werden muss. Das verzerrt die Wahrnehmung. Liegt zum Beispiel ein berechnetes Kursziel bei 161%, dann darf ein reales Kursziel von 158% oder auch 164% als getroffenes Ziel ansehen werden. In diesem Fall liegen die Beispielzahlen noch einigermaßen in der Nähe des 161%-Kursziels. Wer aber definiert, was als normale Toleranz angesehen werden darf? Vermutlich liegt hier die Ursache begraben, dass so viele Anhänger fest an Fibonacci glauben.
Ebenso fragwürdig ist es mit Fibonacci-Kurszielen von 150% oder 176%, wenn sie dicht an der 161% liegen. In Abhängigkeit von den Ausgangsdaten liegen die Fibonacci-Ziele oft eng nebeneinander, so dass man mit einer gewissen Toleranz stets für eine Effektivität von Fibonacci argumentieren werden kann.

Meine Auswertungen beim FDAX auf Tagesbasis in einem Zeitraum von 13 Jahren hinsichtlich Fibonacci haben zwei Aussagen Werte ergeben.

  • Es gibt eine gewisse statistische Anhäufung, dass ein 50%-Retracement am häufigsten als Umkehrpunkt im Trend verwendet wird. Die Genauigkeit ist jedoch so gering, dass sie nicht profitabel umgesetzt werden kann. Es ist lediglich ein Durchschnittswert. Die Zahlen 23%,38% oder 76% waren als Umkehrpunkte völlig unbedeutend.
  • Die durchschnittliche Wellen-Extension lag bei 121%. Der Median-Wert betrug 107%. An den typischen Fibonacci-Marken war keine Anhäufung oder sonstige Beeinflussung erkennbar.

Die Psychologie des 50%-Retracements

Innerhalb der Fibonacci-Zahlen gibt es den Wert von 50%. Die 50%-Zahl darf allerdings auch in einem anderen Zusammenhang gesehen werden. Sieht man sich zum Beispiel viele Ebay-Auktionen an, dann gibt es bei 50% des Produktneuwertes ein erhöhtes Kaufinteresse. Ein anderes Beispiel macht es deutlicher.

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein eingefleischter Fan von Ferrari. Sie haben mehrere Fahrzeuge in der Garage, und sie möchten kein anderes Auto besitzen. Nun passiert es, dass Ihnen jemand einen Fiat 500 als neues Fahrzeug anbietet. Vermutlich wären Sie völlig desinteressiert, denn sie wollen ja Ferrari fahren. Damit Sie den Fiat trotzdem kaufen, bietet Ihnen der Verkäufer einen 20%-Rabatt an. Kaufen Sie jetzt? Wahrscheinlich nicht, denn ein typischer Autohändler hat eine Handelspanne, die ähnlich hoch ist. Sie stehen damit in Konkurrenz zum Autohandel. Nun bietet Ihnen der Verkäufer den Fiat zum halben Preis an. Genau hier liegt das psychologische Preisniveau, bei dem Sie ins Grübeln kommen. Mit diesem Preis können Sie wirtschaftlich nichts falsch machen. Sie könnten den Fiat auf jeden Fall mit Gewinn weiter verkaufen. Obwohl Sie den Fiat ursprünglich nicht kaufen wollten, könnte es jetzt doch zum Kauf kommen.

Ein ähnlicher Mechanismus läuft auch an der Börse ab. Sobald ein Wertpapier zum halben Preis zu bekommen ist, wird es für viele potenzielle Käufer interessant. Das 50%-Kursniveau hat daher mehr mit Psychologie zu tun, als mit der Fibonacci-Zahlenfolge.

Ironie: Ein fanatischer Fibonacci-Anhänger wird vermutlich argumentieren, dass Fibonacci und Psychologie zwei Seiten der gleichen Medaille sind.

Einige Trader arbeiten erfolgreich ausschließlich mit Fibonacci-Tools

Dieses argumentiert gibt es öfters. Ohne genaue Kenntnisse hinsichtlich des Trading-Stils kann man eigentlich kein Urteil darüber treffen. Es liegt aber nahe, dass ein erfolgreicher Fibonacci-Trader nicht wegen der Tools erfolgreich ist, sondern „trotz“ der Tools. Die Statistik ist eindeutig – über Fibonacci lässt sich kein statistischer Vorteil erzielen.

Eine sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung

Als Anhänger der Technischen Analyse werden Sie durchaus Chart-Beispiele finden, in denen die Fibonacci-Kursziele mit bemerkenswerter Genauigkeit getroffen worden sind. Die Genauigkeit ist jedoch ein subjektiver Trugschluss, denn die vielen Fibonacci-Anwender besitzen ein geringes Beeinflussungspotenzial an der Börse. Läuft zum Beispiel ein Kurs zu einem 159%-Kursniveau, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Fibonacci-Trader den Kurs weiter zum 161%-Ziel bewegen werden. Außerdem werden weitere andere Fibonacci-Anhänger bei 161% in eine abwartende Haltung eintreten, weil sie mit einer möglichen Kursumkehr rechnen. Und so dreht dann der Kurs dann tatsächlich.

Was bei 161% vorgeht, ist eine Ansammlung von Börsianern, die eine Eigenbeeinflussung vornimmt. Dadurch entsteht eine sich Selbst-erfüllende-Prophezeiung. Das hat allerdings nichts mit Naturgesetzen zu tun, sondern ist eine von Menschen erzeugte Reaktion.

Fazit: Börsenkurse sind nicht vorhersehbar

Die Ausgangsfrage des Artikels war, wie eine Kurszielbestimmung umgesetzt wird, Und es gibt noch jede Menge andere technische Tools für Kurszielbestimmung:

  • Einige Chartformationen lassen Kurszielprojektionen zu, z.B. ein Dreieck
  • Trendlinien-Differenz-Methode von Thomas DeMark
  • Projektionen von Kurs und Zeit mit Gann-Tools
  • Target-Trend-Methode
  • Delta-Trading nach Welles Wilder
  • Raff-Channel-Projection

 

Leider kenne ich keine zuverlässige Methode, die ich uneingeschränkt empfehlen könnte. Es fehlt schlicht weg die statistische Grundlage, durch die sich ein Börsenvorteil erzielen lassen würde. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir Trader mit ein paar Linien und Mathematik nur schwerlich die Zukunft vorhersehen können.

Sollten Sie eine Idee haben, auch eine ungewöhnliche, würde ich mich freuen, wenn Sie mir einen Kommentar hinterlassen. Ich bin immer an einer anderen Sichtweise interessiert. Vielleicht kennen Sie auch eine Studie, die beweist, dass Fibonacci-Relationen eine Wirkung auf Aktienkurse haben.

 

Trading mit GDL

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